Ich traue mich nicht mehr etwas zu sagen

Hallo und herzlich willkommen zur 12. Folge von „wertschätzen und führen“. Ich freue mich, dass Du dabei bist. Heute gehen wir den ersten Schritt, um die Dinge anzusprechen, die angesprochen werden sollten, die Du Dir aber verkneifst, weil die andere Person vermutlich ausfällig wird. Einfaches Feedback macht das möglich. Es ist DAS Kommunikations- und Führungswerkzeug schlechthin. Vor allem um zu deeskalieren ist es unschlagbar. In dieser Folge stelle ich Dir den ersten Schritt des Einfachen Feedbacks vor.

Der Beitrag ist die ungekürzte Transkription der 12. Folge. Der Download steht in Kürze zur Verfügung.

Ich bin Claudia Schulz, Inhaberin von Ereignis Coaching, Coach für Kommunikation und Autorin. Mein Podcast „wertschätzen und führen“ bringt Dir die Spielräume näher, die Du hast, um eine Kultur der Wertschätzung in Deinem Team zu etablieren. Der Podcast ist wie für Dich gemacht, wenn Du klar, fair, wertschätzend und organisiert Dein Team leiten möchtest. Sollte es Dir eher darum gehen, andere Menschen umzukrempeln, wirst Du hier weniger fündig werden.

Den folgenden Satz höre ich immer wieder von Kundinnen: „Ich traue mich gar nicht mehr, irgendetwas zu sagen, weil ich fürchte, die Person flippt völlig aus“.

Auf der einen Seite sind Führungskräfte – im Fall der Fälle – gehalten, Mitarbeiter*innen darauf hinzuweisen, dass von ihnen ein anderes Verhalten gewünscht sei. Auf der anderen Seite erleben Führungskräfte, wie ungehalten Personen reagieren können, die sie sich kritisiert fühlen. Einige Führungskräfte würden ein solches Gespräch am liebsten vermeiden. Doch eine Vermeidungsstrategie fällt einem früher oder später auf die Füße. Und sie bindet Ressourcen, die anderswo gut gebraucht werden können.

Also … Vorhang auf für …. Einfaches Feedback

Ich liebe dieses Werkzeug, diesen Zwilling der Anerkennung nach der KAI-Formel. Denn denjenigen unter Euch, die sich bereits fleißig anerkennen, wird es leichter fallen, die Formel des einfachen Feedbacks anzuwenden.

Einfaches Feedback eignet sich hervorragend dafür, um insbesondere Situationen zu meistern, die Unsicherheit hervorrufen oder unangenehm werden könnten. Einfaches Feedback ist die Quintessenz der Feedback-Ansätze von Schulz von Thun und von Rosenberg und dem Ansatz der Sage University entlehnt. Einfaches Feedback besteht aus drei Schritten:

  1. Beobachten
  2. Unterscheiden und
  3. Sagen, was ich beobachtet und unterschieden habe. Das ist einfaches Feedback.

Heute machen wir den ersten Schritt.

Was bedeutet beobachten?

Das bedeutet, die Bilder und Töne wahrzunehmen, die unsere Augen und Ohren an das Gehirn senden. Zu einer Beobachtung zählt zudem die Wahrnehmung der eigenen Gefühle. Die Bilder und Töne werden im Gehirn interpretiert und bewertet.

Lass es mich plastisch ausdrücken: in unserem Kopf sitzt eine fleißige Regisseurin oder ein fleißiger Regisseur, die oder der in Lichtgeschwindigkeit aus dem Material Filme für das eigene Kopfkino produziert. Diese Filme sind gespickt von Annahmen, Bewertungen, Beurteilungen, Geboten, Verboten etc. Es sind die Regisseurinnen und Regisseure, die aus einer Mücke einen Elefanten machen. Die Mücke ist die Beobachtung, der Elefant ist die Interpretation. Beobachtungen zielen auf den Punkt. Interpretationen sind voluminös.

Beispiele für Beobachtungen sind Aussagen wie:

  • Gestern hat die Kollegin ihren Urlaub eingereicht.
  • Wir haben abgesprochen, dass wir unseren Mitarbeiter*innen ab 15. April zwei Test in der Woche zur Verfügung stellen.
  • Die beiden Geschäftsführer haben den Vertrag unterschrieben, hat der Assistent gesagt.

 

An dieser Stelle gibt es etwas für Dich zu tun.

Bitte halte kurz inne, um die Gedanken und Gefühle zu notieren oder aufzunehmen, die Dir durch den Sinn gegangen sind als Du die Beispielsätze gehört hast. Es ist hilfreich für Dich, kurz die Pausentaste zu drücken, um das zu tun. Du hättest mehr von dem, was gleich kommt. Ich schweige kurz, bis Du die Stopptaste gefunden hast.

Fein. Wir kommen gleich auf Deine Gedanken zurück. Zunächst möchte ich Dir noch ein weiteres Beispiel für Beobachtung geben:

  • Vielen Dank, dass Du heute Morgen Blumen auf den Tisch gestellt hast.

UND DA haben wir sie: die Beobachtung, die zugleich eine Anerkennung nach der Kai-Formel ist.

Solltest Du Dich fragen, was es mit dieser KAI-Formel auf sich habe, lege ich Dir Folge 8+9 ans Herz, die Du im Anschluss hören könntest.

Hier verschränken sich Anerkennung und Feedback. Machst Du das eine, trainierst Du das andere. Ist das nicht ein Grund zu feiern, wenn es wirklich einmal leichter wird? Ich bin jedes Mal aufs Neue begeistert und Begeisterung ist obendrein auch noch ein wichtiger Resilienzfaktor.

Doch zurück zu den Beispielsätzen.

Beobachtungen sind meistens recht kurz, sind auf den Punkt, sie sparen Zeit. Interpretationen kosten Zeit.

Dennoch bleiben Sätze der Beobachtung im Arbeitsleben selten alleine stehen. Vielmehr werden sie mit Interpretationen garniert. Und so hört sich das häufig an:

  • Gestern hat die Kollegin ihren Urlaub eingereicht, Boah, die hat es ja wohl nötig –und leisten kann sie sich das sogar auch noch. Ganz im Gegenteil zu unsereins!
  • Wir haben abgesprochen, dass wir unseren Mitarbeiter*innen ab 15. April zwei Tests in der Woche zur Verfügung stellen – HAR. Wer’s glaubt wird selig, Du wirst schon sehen, am Ende dürfen wir die Tests selbst kaufen und schön selbst bezahlen.
  • Die beiden Geschäftsführer haben den Vertrag unterschrieben, hat der Assistent gesagt. Wurde ja auch langsam Zeit, der Kram lag echt lange genug rum. Was macht der eigentlich den ganzen Tag?

 

Das waren Beobachtungen gespickt mit Interpretationen.

Bitte pausiere nochmals, um nun Deine Gefühle und Gedanken zu notieren, die sich aus den Beobachtungen plus Interpretationen ergeben. Ich lege nochmals eine Pause für den Pausenknopf ein.

Haben sich Deine Gedanken und Gefühle verändert?

Wenn ja, haben sie sich durch diese Interpretationen wahrscheinlich eher eingetrübt als aufgehellt. In Teams fallen die Interpretationen eher zuungunsten als zugunsten der Kolleginnen und Kollegen aus, Damit kocht eine ganze Problemsuppe durch solche Sätze hoch. Es können eigene Erinnerungen wachgerufen werden, die durchaus schmerzhaft waren, und schon sind die Gesprächspartner*innen mittendrin, im Minenfeld der Kommunikation, ohne es zu ahnen.

Interpretationen versprühen eher Gift und Galle als dass sie Menschen ermutigen, befähigen oder Freude mit denjenigen ausdrücken, die etwas geschafft haben. Anders ist es natürlich bei Euch, liebe Hörerinnen und Hörer, die ihr „wertschätzen und führen“ verfolgt, Ihr könnt könnt daran etwas ändern.

Lass mich dazu mit einem weiteren Bild illustrieren, was eine Beobachtung ist. Bei einem Unfallgeschehen sind sich Zeug*innen einig, was die Beobachtung betrifft – außer natürlich sie würden die Beobachtung bewusst verfälschen. Alle haben gesehen, dass der LKW rechts abgebogen ist, die Fahrradfahrerin von links kam, das Fahrrad jetzt auf der Straße liegt und die Fahrradfahrerin mit blutendem Kopf und dem Rücken gegen die Ampel gelehnt auf dem Boden sitzt. Das ist die Beobachtung. Vor Gericht werden sich die Anwälte trefflich streiten, wer die Verantwortung für das Unglück trägt. Hat der LKW-Fahrer den Zusammenstoß zu verantworten, weil er die von links kommende Fahrradfahrerin nicht gesehen hat, oder doch die Fahrradfahrerin, die den LKW rasch gegen die Fahrtrichtung umrunden wollte? Wie der Unfall zu bewerten ist, das ist eine Interpretation, und an der Interpretation scheiden sich die Geister, nicht an der Beobachtung. Das gilt für die Havarie auf der Straße ebenso wie für die Havarie in der Kommunikation.

Schauen wir die eingangs zitierte Aussage nochmals an, die häufiger fällt:

„Ich traue mich gar nicht mehr, irgendetwas zu sagen, weil ich fürchte, die Person explodiert“.

Was ist die Beobachtung?

„Ich traue mich gar nicht mehr, etwas zu sagen“ – das ist ein Angstgefühl. Ein Angstgefühl ist die Wahrnehmung der eigenen Gefühle – d.h. das ist nach obiger Definition eine Beobachtung …

„weil ich fürchte, die andere explodiert“ ist komplexer– Furcht wäre eine Beobachtung, der Kausalzusammenhang, das Wörtchen „weil“, macht die Beobachtung jedoch zu Interpretation und „dass die andere explodiert“ ist auch eine Interpretation.

Die Folge 11 „Kummer entsteht im Kopf“  befasst sich mit Interpretationen. Wenn Du sie nochmals anhörst, wirst Du sie wahrscheinlich mit anderen Ohren hören. Das gilt auch für die anderen Folgen. Je häufiger Du Dir die Folgen der „wertschätzen und führen“ anhörst, umso tiefer wird das Wissen in Dir sickern. Es ist schwer zu beschreiben, aber Du wirst mit den Wiederholungen neue Aspekte entdecken, die Dir beim ersten Hören entgangen waren.

Fassen wir nochmals zusammen

Beobachtung ist die Wahrnehmung der Bilder und Töne, die von Augen und Ohren ins Gehirn geschickt werden. Es ist die unbearbeitete Version, die Rohversion, bevor die innere Regisseurin oder der innere Regisseur Hand anlegt. Auch die Wahrnehmung der eigenen Gedanken und Gefühle gehört zur Beobachtung. Es ist der erste Schritt des Einfachen Feedbacks, das aus insgesamt drei Schritten besteht.

In der nächsten Folge setze ich Schritt eins und zwei zu dem dritten Schritt zusammen, was Einfaches Feedback ausmacht. Und Du wirst in Gänze erfahren, wie Dir Einfaches Feedback dienen kann, um Dinge anzusprechen, wenn Explosionsgefahr in der Kommunikation besteht.

Ich freue mich auf Dich und sage tschüs, bis zum nächsten Mal.

Foto

Claudia Schulz

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